DER ONE-NIGHT-STAND (oder: Die Liebe währt 3 Stunden)

Samstagabend, mein Lieblingsclub.
Alexa habe ich vor einer Stunde auf der Tanzfläche kennen gelernt. Bisher konnte ich nach einem Nahtanz erfahren, dass sie neben Rhythmusgefühl auch über einen extrem knackigen Hintern verfügt. Da weitere Details wohl erst zur späterer Stunde in Erfahrung gebracht werden können, beschließen wir, uns bei einem Drink an der Bar besser kennenzulernen.

Während sie in der Cocktailkarte blättert und sich nicht richtig zwischen Sex On The Beach, Caipirinha oder vielleicht doch lieber dem alkoholfreiem Virgin Colada entscheiden kann, frage ich mich, wie Alexa wohl im Nachthemd aussehen mag.
Und somit habe ich meine Wahl für heute Abend bereits getroffen. Aber obwohl ich die Ziellinie schon vor meinem inneren Auge sehe, muss ich mich erst einmal auf das Hier und Jetzt konzentrieren. Ich bestelle mir ein Bier und Alexa entscheidet sich schließlich für einen Long Island Ice Tea. Natürlich beglückwünsche ich diese Wahl. In zweierlei Hinsicht. Einerseits kann sie sich an dem Schirmchendrink erfreuen – andererseits könnte mir der hohe Alkoholgehalt günstig in die Karten spielen. Der rhetorische Teil des Abends beginnt – in dem man vieles richtig, aber auch alles falsch machen kann.
Jetzt bloß nicht die falschen Fragen stellen. „Hast du einen Freund?“ wäre naheliegend, um eventuelle Besitzansprüche direkt zu klären. Weil ich aber schon die Erfahrung gemacht habe, dass mir dann stundenlang vom Ex-Freund erzählt wird und ich den Seelentröster spielen darf, eröffne ich unser Gespräch mit der Frage nach ihrem Musikgeschmack. So kann ich nebenbei auch noch etwas über ihren Charakter, ihre Sehnsüchte und ihre Allgemeinbildung erfahren. Allerdings zeigt Alexa lediglich nur auf der Tanzfläche Rhythmusgefühl, outet sich im Verlauf unseres Gesprächs als naives Dummchen und langweilt mich mit Trivialitäten aus ihrem oberflächlichem Leben. Fortan lasse ich mich lieber von ihren enorm in Szene gesetzten Brüsten gepaart mit einem lasziven Blick ihrerseits unterhalten.

„Zahlt ihr zusammen oder getrennt?“ fragt die freundliche Tresenkraft. Alexa greift der Höflichkeit halber nach ihrer Tasche. Doch bevor sie nach ihrer Geldbörse wühlen kann, antworte ich gönnerhaft: „Nein, das geht zusammen!“ Der zuvor frisch geliehene 20-Euro-Schein wandert wechselgeldlos in das Portemonnaie der Bedienung und im Poker um eine gemeinsame Nacht setze ich alles auf eine Karte. „Was machen wir jetzt?“, fragt Alexa.
„Gute Frage!“, denke ich mir. Und wäre ich näher an der Frau gegenüber von mir interessiert, würden mir weitere Fragen einfallen:
Könntest du dir vorstellen mit mir zusammenzuziehen? Wenn ja: Schlafzimmer und Wohnzimmer oder: dein Raum, mein Raum? Wie oft wird womit was alles geputzt? Möchtest du heiraten? Mich? Wie ist es mit Kindern? Wie viele? Antiautoritäre Erziehung oder strenge Hand? Und bleibt dann auch noch Zeit für gemeinsame Stunden? Schöne Stunden? Normalerweise würde ich mich jetzt von Alexa verabschieden, ihr einen schönen Abend wünschen und frustriert nach Hause fahren. Alleine. Und mich über die überhöhte Getränkerechnung und die substanzarme Konversation ärgern. Aber noch habe ich die Chance auf eine Belohnung für meine spendable Geste zu hoffen. Schließlich wäscht eine Hand die andere. Nicht umsonst sagt man in Fachkreisen: Quid pro quo.
Und auch die verlorene Lebenszeit könnte ich mir mit einem heißen Bettabenteuer zurückholen. Alexa schaut mich fragend an: „Hallo? Was machen wir jetzt?“
Ich verweise auf die laute Musik, lüge, dass ich sie nicht gehört hätte und antworte ihr mit der einzigen Frage, die ich ihr stellen würde: „Zu dir oder zu mir?“

Dieser Text sollte als Kolumne in einem Online-Magazin eines sehr, sehr großen
Erotik-Zubehörhändlers erscheinen. Das Magazin gab es aber dann doch nicht.
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